Wie Shitō-ryū nach Deutschland kam

Kenwa Mabuni (1889-1952) aus Okinawa ist der Gründer des Shitō-ryū. Mabuni war Schüler des in der Region Shuri lebenden Meisters Itosu und er war zugleich Schüler von Meister Higashionna. Daraus leitet sich der Name Shitō-ryū ab:

Meister Itosu: Shi - nach der sinojapanischen Lesung
Higashi: to - auch nach der sinojapanischen Lesung


Aus den beiden fettgedruckten Silben entstand der Stilname. Seine erste Schule eröffnete Mabuni in Osaka, diese Stadt ist bis heute der Nabel des
Shitō-ryū.

 

Shitō-ryū gehört zu den fünf großen Stilrichtungen des Karate: Gōyu ryū, Wadō ryū, Shotokan, Shitō-ryū und Kyokushinkai, wobei Shitō-ryū hauptsächlich ein Mix aus Naha te (Shorei ryu) und Shuri te (Shorin ryu) bestehtt. Beide Stile wurden auf Okinawa praktiziert; mit den Einflüssen des Tomari te und des White Crane Kung fu  fand Mabuni seinen Stil und er trug ihn nach Osaka. Eine der Leidenschaften Mabunis war, dass er die Kunst der "leeren Hand" nicht von Kobudō, der Kunst mit Waffen, trennte. Viele seiner Kata können demnach sowohl mit als auch ohne die traditionellen Waffen Bo, Tonfa, Sai ausgeführt werden.

In unserer Shitō-ryū Stilrichtung bewahren wir eher die Tradition des Kenwa Mabuni, wenngleich sich andere Stile wie Shukokai mehr dem reinen Wettkampf zuwandten und so der eigentliche Stil stark verwässert wurde. Hinzu kommt, dass jeder der Mabuni nachfolgenden Großmeister einen Fußabdruck und Sand der Geschichte hinterlassen wollte und somit die reine Lehre Mabunis weiter verschwand. Nachfolgend ein ungefährer Überblick, wie Mabuni zu seinem Stil fand und wie seine Lehre bis nach Osnabrück kam.

 

Kunshi No Ken – Die noble Disziplin

 

Für Sōke Mabuni stand nie das Erreichen der besten Technik, des schnellsten Angriffes oder die Meisterschaft im besiegen der Gegner im Vordergrund. Seine bekannteste Aussage war: "Das oberste Ziel eines Karateka ist, ein guter Mensch zu werden."

Durch das Training, das ansammeln von Wissen und Erfahrung, durch die Auseinandersetzung mit sich selbst soll sich der Karateka sich zu einer respektablen Person ohne Ecken und Kanten entwickeln. Ein Karateka, der erreicht, dass er gutes Benehmen, Selbstdisziplin, Respekt, Verantwortung und Integrität besitzt, ist ein Beispiel für andere und wird so als wahrer Shitō-ryū Schüler erachtet. Mabuni verfasste fünf Grundsätze:
Hitotsu - Ishi. Shoshin wasureru nakare.

Hitotsu - Do toku. Reigi otokaru nakare.

Hitotsu - Hatten. Doryoku okataru nakare.

Hitotsu - Jo shiki. Jo shiki kakeru nakare.

Hitotsu - Heiwa. Wa midasu nakare.

Übersetzt bedeutet dies:
Entschlossenheit - Vergiss nie die Begeisterung des ersten Anfangs

Sittlichkeit - Vernachlässige nie die Höflichkeit und Etikette

Entwicklung - Nie im Bemühen um Anstrengung nachlassen

Selbstversändlichkeit - Verliere nie den gesunden Menschenverstand

Frieden - Störe nie die Harmonie

 

Diese Grundsätze sind vergleichbar mit den Dojokun, die Shihan Carlos Molina, 8. Dan, uns ständig lehrt (siehe auch: Dōjō

Als Sōke Kenwa Mabuni 1952 starb, hinterließ er zwei Söhne, Kenzo und Ken'ei Mabuni. Beide hatten unterschiedliche Ansichten was des Vaters Karate anbetraf, so trennten sich in gewisser Weise ihre Linien.
Mabuni Ken’ei kam von Kindheit an mit dem Karate und etlichen seiner bedeutendsten Vertreter, wie zum Beispiel Funakoshi Gichin oder Miyagi Chōjun, in Berührung. Er wurde nach dem Tode seines Vaters dessen offizieller Nachfolger als Oberhaupt des Shitō-Ryū. In den folgenden Jahren trug Ken`ei die Lehre Kenwa Mabunis in die Welt und sorgte so für eine große Verbreiterung des
Shitō-Ryū-Stiles. Wichtig hier ist zu wissen, dass er  auch mehr als ein Jahr (1969/70) in Guatemala verbrachte und dort den Nachwuchskader ausbildete. Aus dieser Linie stammt Shihan Carlos Molina, unser Sensei, der jetzt in Berlin lebt.


Korsika 2018: S. Pellegrini, Shihan Carlos Molina, D. Pellegrini
Korsika 2018: S. Pellegrini, Shihan Carlos Molina, D. Pellegrini

Mabuni Ken'ei war bestrebt, authentisches Shitō-Ryū ganz im Sinne seines Vaters zu lehren und zu bewahren, wobei er besonderen Wert auf die Vermittlung der geistigen Inhalte des Karate dō legte.

 

Ohne Sport-bzw. Wettkampfkarate grundsätzlich abzulehnen, trat er für eine klare Trennung zwischen Karate als Budō und Sportkarate ein. Eine seiner herausragenden Leistungen war, dass er eine Kata seines Vaters vollendete: Shinpā, welche sein Vater begonnen, aber nicht vervollständigt hatte. Ken'ei Mabuni war der Verfasser verschiedener Bücher über Shitō-Ryū und er schrieb auch ein Buch über die historischen Wurzeln und die geistigen Grundlagen des Karate als Budō. 2015 starb Ken'ei Mabuni und hinterließ ein großes Loch in der Budō-Gemeinde.

 

 

vlnr: Silvi Pellegrini, Carlos Molina, XXX, Fumio Demura; xxx
vlnr: Silvi Pellegrini, Carlos Molina, XXX, Fumio Demura; xxx

1. Oktober 2017 Shitō-Ryū Bundeslehrgang Hamm

mit

Shihan Fumio Demura, 9. Dan Shitō-Ryū und Shihan Carlos Molina, 8. Dan Shitō-Ryū

 

Fumio Demura (出村 文男),  * 15. September 1938 in Kanagawa, Japan (auch Geburtsort von Geburtsort von Norio Furuichi, 8. Dan Iaido) ist einer der angesehensten Meister unseres Stiles. 

Im Alter von acht Jahren begann Demura die Kunst des japanischen Schwertkampfes (Kendō) zu lernen. Mit der Zeit erlernte er auch die Kampfkünste Karate, Aikidō und Judo und entwickelte ein besonderes Interesse für Kobudō, den Kampf mit traditionellen Waffen (Nunchaku, Tonfa, Sai, Bo und Kusari). Diese Kunst erlernte er unter der Anleitung von Sakagami Ryūsho und Taira Shinken, zwei angesehenen Kobudō-Meistern.

1956 erlangte er den kuro Obi und gewann im folgenden Jahr die ostjapanische Karate-Meisterschaft. Er festigte seinen Ruf als Kampfkünstler, indem er 1961 aus der japanischen Kumite-Meisterschaft als Sieger hervorging und für die nächsten drei Jahre zu einem der acht besten Wettkämpfer zählte. Er bekam für herausragende Leistungen eine Trophäe des japanischen Karate-Verbandes. Zudem erhielt er für seine Hingabe zur Kampfkunst Zertifikate der Anerkennung von Abgeordneten des japanischen Kabinetts.

Im Jahre 1965 kam Demura auf Einladung von Dan Ivan in die Vereinigten Staaten, um im südlichen Kalifornien Shitō-Ryu zu lehren. 1969 erhielt er durch den Titel „Karate-Sensei des Jahres“ Eintritt in die angesehene „Hall of Fame“ des Black-Belt-Magazins. 1975 wurde ihm diese Ehre erneut zuteil, diesmal durch den Titel „Kampfkünstler des Jahres“. Viele weitere internationale Auszeichnungen folgten.

Während der 70er und 80er Jahre veröffentlichte er eine Reihe von Büchern über Karate und Kobudō. Highlight war, als er das  Double für Pat Morita in der Rolle des Mr. Miyagi in der Karate-Kid-Reihe darstellte.

Heute ist der Präsident und leitender Ausbilder der Shitō-Ryu Genbu-Kai International, einer Organisation, die 20 Nationen und tausende Mitglieder vereint. Er unterrichtet in seinem Dōjō in Santa Ana (Kalifornien), gibt Seminare und unterstützt Wettkampf-Veranstaltungen weltweit.